Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster: „Gemeinderat und Stadtverwaltung messen der Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus einen hohen Stellenwert bei. Wir wollen uns erinnern und wir wollen uns der Verantwortung unserer Geschichte stellen. Dabei stehen wir vor der Frage, wie die Erinnerung heutzutage zu vermitteln ist.“ Demokratie, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Toleranz müssten stets aufs Neue erlernt werden. „Stuttgart ist eine offene, tolerante, internationale Stadt, die sich durch friedliches Miteinander und ehrenamtliches Engagement auszeichnet. Mein Dank gilt allen Initiativen, Schulen oder aktiven Bürgern, die Orte der Erinnerung an die NS-Zeit pflegen“, so OB Schuster. Als Beispiele nannte er den Runden Tisch der Kulturen, die Gedenkstätte am Nordbahnhof, die städtische Otto-Hirsch-Medaille oder den geplanten Aufbau eines jüdischen Dokumentationszentrums.
Zum geplanten Bauvorhaben am Karlsplatz sagte er: „Wir sind hier weder Eigentümer noch Bauherr. Aber die Stadt hat Planungsrecht. Das heutige Hearing markiert einen Anfang der gemeinsamen öffentlichen Debatte. Alle Beiträge wie auch die Fragen und Anregungen der Bürger werden in die Beratungen einfließen. Ich erwarte einen fruchtbaren Dialog zwischen dem Beirat des Stadtmuseums, Experten aus der Wissenschaft und engagierten Bürgern.“ Nach der Sommerpause soll ein Arbeitskreis seine Arbeit aufnehmen. Als Koordinatoren sind vorgesehen die Leiterin des Planungsstabs für das Stadtmuseum, Dr. Anja Dauschek, und der Leiter des Stadtarchivs, Dr. Roland Müller.
„Diskussion spiegelt demokratische Normalität“
Die Anhörung befasste sich mit Fragen der Vermittlung. Prof. Micha Brumlik, Erziehungswissenschaftler aus Frankfurt/Main, sagte als Mentor der Veranstaltung in einem Impulsreferat: „In der Kulturpolitik besteht immer ein Spannungsverhältnis zwischen bürgerschaftlichem Engagement und den Zwängen des Machbaren. Hier prallen Interessen aufeinander. Solche Diskussionen sind Spiegelbild einer demokratischen Normalität. Wichtig ist ein authentischer Ort, der das menschliche Geschichtsbewusstsein anspricht“, so Prof. Brumlik.
Renommierte Wissenschaftler diskutierten anschließend über eine zeitgemäße Vermittlung, stets mit Blick auf die aktuelle Debatte in Stuttgart. Prof. Alfons Kenkmann, Universität Leipzig, Prof. Volkhard Knigge, Stiftungsdirektor der Gedenkstätte Buchenwald, Prof. Astrid Messerschmidt, Universität Karlsruhe, Prof. Wolfram Pyta, Universität Stuttgart, und Prof. Peter Steinbach, Universität Mannheim, zeigten, wie verschieden Geschichte in Deutschland aufgearbeitet wird und dass Geschichtsdebatten stets im politischen Raum geführt werden.
Erfahrungsberichte aus Berlin (Topographie des Terrors), Hamburg (Projekt Lohsepark), Nürnberg (ehemaliges Reichsparteitagsgelände) und Frankfurt/Main (Erinnerungsstätte an der Großmarkthalle) verdeutlichten kommunale Ansätze der Geschichtsaufarbeitung. Außerdem stellten Jürgen Schulz-Lorch, Restaurator, und Prof. Roland Ostertag ihre „Positionen zur Dorotheenstraße 10“ vor. Über „Wünsche und Konzepte für Stuttgart“ sprachen Jupp Klegraf, Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber, Alexander Schell und Jörg Titze, Stadtjugendring, Dr. Michael Kienzle, Vorstand Stiftung Geissstraße 7, Sieghard Kelle, Geschäftsführer Stuttgarter Jugendhaus gGmbH, und Holger Viereck, Anne Frank Realschule, Stuttgart-Möhringen. Das Gedenkstättenkonzept des Landes Baden-Württemberg präsentierte Konrad Pflug, von der Landeszentrale für politische Bildung.
Weitere Berichte und Interviews stehen online unter www.stuttgart.de. Die Veanstaltung ist nachzuhören ab Ende nächster Woche unter www.stuttgart.de/hearing.
Hintergrund
Das „Quartier am Karlsplatz“ soll das Gelände rund um das bestehende Breuninger-Areal neu ordnen. Teil dieser Planung ist die Neugestaltung der Dorotheenstraße, wo sich Ministerien befinden. Nach dem ersten Weltkrieg beherbergte das ehemalige Hotel Silber die Deutsche Reichspost. Die Nationalsozialisten machten es während ihrer Herrschaft zum Sitz der Geheimen Staatspolizei in Stuttgart. Durch einen Luftangriff im September 1944 wurde das Haus zum Teil zerstört. In den Jahren nach 1945 wurde das Gebäude teilweise neu aufgebaut und nach 1982 komplett renoviert, so dass Spuren der Gestapo-Zeit nicht mehr vorhanden sind.


